Interview mit Dr. Peter Bartsch, Leiter der Sammlungsabteilung und Kurator, über das Museum für Naturkunde in Berlin
Der Ostflügel des Museums wurde am 3. Oktober 1945 vollständig zerstört. Warum begann der Wiederaufbau des Gebäudeteils erst 2006 – 61 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg?
Zunächst lag dies an dem Ressourcenmangel während der Nachkriegs- und DDR-Zeit. Es ist zwar öfter in Reparaturmaßnahmen und dringendste Erneuerung von technischen Anlagen des Gebäudes (Heizung, Elektroinstallation) investiert worden, trotz mehrerer Anläufe und Planungen aber nicht der Wiederaufbau des Ostflügels begonnen worden. Seit 1990 sind wiederum etliche dringende Teilmaßnahmen in Dachsanierung, Ausstellung, Laborbau, etc. erfolgt, die ebenfalls für unsere Funktionstüchtigkeit und den Erhalt der Sammlungen wichtig waren. Eine sorgfältige Vorbereitung, Bedarfsanalyse und moderne Konzeption des Ostflügels konnte aber erst ab 1998 in Angriff genommen werden.
Mit der Zerstörung des Ostflügels wurden die großen Säugetiere und die meisterhaften Walplastiken nahezu gänzlich zertrümmert. Welche Bedeutung haben derartige Verluste für die Wissenschaft und die Gesellschaft?
Viele der damals verlorenen Präparate – gerade von solchen Groß-Säugetieren – sind unwiederbringlich für bestimmte Untersuchungen, Forschungsbereiche, Ausbildung und Anschauung verloren, weil darunter viele Arten selten geworden sind oder nahe dem Aussterben, so dass sie sinnvollerweise heute nicht mehr bejagt werden. Nach dem wissenschaftlich-kulturellen Wert repräsentierte jedes dieser Präparate zudem einen recht hohen volkswirtschaftlichen Wert, indem hier präparatorische und konservatorische Arbeitskraft, Materialien und zum Teil enorme Transportkosten investiert worden sind.
Die Sammlungen des Museums zählen über 30 Millionen Objekte. Wie können Sie hier den Überblick wahren?
Dies gelingt nur mit einer Vielzahl von kenntnisreichen, in den einzelnen Tiergruppen versierten und höchst engagierten Mitarbeitern, mit archivarischer Sorgfalt – und zunehmend genutzten Datenbanken.
Um als Archive der Natur und Grundlage für die Erforschung der Evolution der Erde und des Lebens dienen zu können, müssen naturkundliche Sammlungen stets neues wertvolles Sammlungsmaterial aufnehmen. Wie viel neue Objekte kommen jährlich hinzu? Wie kommen Sie an diese Objekte?
Der mittlere jährliche Zuwachs ist schwer einzuschätzen, weil sehr unterschiedlich und abhängig von den aktuellen Forschungsprojekten, Abgaben von größeren oder kleineren Sammlungen an uns, usw.. Ich habe einmal über mehrere Jahre im Mittel 20.000 Exemplare und ca. 200-300 cbm Lagerungs-Volumen per annum eingeschätzt. Die Herkunft ist höchst divers: Eigene Forschungsprojekte in aller Welt; wir selbst und Wissenschaftler-Kollegen, die Belegmaterial von Artbeschreibungen (Typusmaterial) und verschiedenen anderen Studien hinterlegen; Abgaben von privaten und öffentlichen Forschungs- und Lehr-Sammlungen, die akut aus verschiedensten Gründen nicht mehr aufrechterhalten werden.
Wenn Sie im Ernstfall drei Objekte aus den Sammlungen oder Ausstellungen retten müssten - was würden Sie retten?
Das ist etwas unrealistisch gefragt, weil sehr abhängig von der Art des "Ernstfalles". Ich hoffe, dass sich alle Mitarbeiter zunächst primär um Personenrettung und Ursachenbehebung/-eindämmung bemühen. Wenn das gewährleistet, ist danach an die Sicherung einer Reihe von wertvollen, gegenüber der spezifischen Schadens-Bedrohung am wenigsten geschützten Objekte zu denken: in der Folge sind die Kataloge, die Original-Registratur des Materials, sowie voraussichtlich die, gegenüber zum Beispiel mechanischer Beschädigung und Wassereinbrüchen empfindliche Trockensammlungsteile zuerst zu berücksichtigen - nicht notwendigerweise zum Beispiel das wertvolle Archaeopteryx-Exemplar (gut geschützt untergebracht und als Fossil gegenüber den meisten möglichen Katastrophen recht robust). Für mich und jeden Kurator ergäbe sich zudem der selbstverständliche Vorrang der Rettung des Typusmaterials – des unersetzlichen und langfristig unverändert zu erhaltenden Belegmaterials von Artbeschreibungen. Dies zeigt: essentiell ist eigentlich die Prävention – und weil diese nicht in Hinblick auf alle möglichen Ursachen, unglücklichen Ursachenverkettungen und zeitgeschichtlichen Umstände absolute Sicherheit gewährleisten kann, gibt es auch die Entwicklung einer Notfallplanung als Bestandteil der präventiven Konservierung bei Museen und naturkundlichen Sammlungen.
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